Geschichte der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg
Das Revolutionsjahr 1848, auch Sturmjahr genannt, bildet einen tiefen Einschnitt in der österreichischen Geschichte. Zum letzten Male versuchte man - zumindest im 19. Jahrhundert - nach der Niederwerfung der Revolution absolut zu regieren, sah sich aber zugleich veranlasst, grundlegende Reformen einzuleiten. Die feudale Verwaltung wurde zur Gänze durch eine staatliche ersetzt. Die öffentlichen Aufgaben, die bisher Verwalter und Schreiber der Grundherren besorgt hatten, wurden staatlichen Beamten übertragen. Bezirksgerichte wurden eingerichtet, sich selbst verwaltende Ortsgemeinden entstanden und Bezirkshauptmannschaften traten an die Stelle der bisherigen Kreishauptmannschaften.
Dennoch kann das Jahr 1848 nicht als endgültiges Geburtsjahr der Bezirkshauptmannschaften bezeichnet werden. Noch musste geraume Zeit vergehen, hatte die politische Entwicklung einen verschlungenen Weg zurückzulegen, bis die Strukturen der Verwaltung zu einer dauerhaften Form fanden. Nach mehreren Versuchen wurden mit 31. August 1868 die Bezirkshauptmannschaften weitgehend in ihrer heutigen Gestalt begründet. In der Steiermark wurden damals 18 Bezirkshauptmannschaften eingerichtet, eine davon war die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg.
Mit der Errichtung einer Bezirkshauptmannschaft wurde die südliche Weststeiermark, die bisher auf verschiedene Kreise und Bezirksämter aufgeteilt gewesen war, erst zu einem Bezirk zusammengefasst. Man kann mit Recht sagen, erst mit der Errichtung der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg entstand der gleichnamige Bezirk. Dass dieser Zusammenschluss richtig war und sich bewährt hat, zeigt sein Bestand bis auf den heutigen Tag. In den vielen politischen Wechselfällen, die unsere Heimat seit 1868 durchmachen musste, ist an dieser Einheit nie gerüttelt worden. Man sollte sich daher dankbar an jene Bürger des kleinen Marktes Deutschlandsberg erinnern, die um Bürgermeister Florian Pojatzi für die Errichtung einer Bezirkshauptmannschaft in diesem Orte eingetreten sind.Die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg ist mit der Zeit und den von dieser neu und zusätzlich gestellten Aufgaben gewachsen. Eine Erkenntnis des Reichsgerichtes wies den Bezirkshauptmannschaften alle Aufgaben zu, die nicht ausdrücklich anderen Behörden übertragen waren. Man hat von einer „Gesamtkompetenz" der Bezirkshauptmannschaft gesprochen und sie wird daher auch als „Mädchen für alles" bezeichnet. Eine Bezirkshauptmannschaft ist zuständig für die Sicherheit, für den Bereich des Gewerbe‐, Wasser‐ und Verkehrsrechtes, für das Gesundheits‐, Veterinär‐, Forst‐ und Jagdwesen sowie mittelbar - als Bezirksschulrat - auch für die Aufsicht über das Pflichtschulwesen. Auf ihr werden Reisepässe, Führerscheine und Jagdkarten ausgestellt, man wendet sich an sie in Fragen der Umwelt und des Naturschutzes, sie berät und hilft in sozialen Fragen, bei der Betreuung jugendlicher und älterer Menschen.
Schon bei der Einrichtung der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg im Jahre 1868 genügte das Gebäude, in dem man sie als Mieter untergebracht hatte, das Wirtschaftsgebäude des Schlosses Feilhofen, den gestellten Ansprüchen in keiner Weise. Jahrzehntelang wurden von den Bezirkshauptleuten Hilferufe ausgesandt und wurde verhandelt. Erst kurz vor der Jahrhundertwende fasste man den Entschluss zum Neubau, der mit Unterstützung der Marktgemeinde Deutschlandsberg von 1899 bis 1901 ausgeführt wurde. Das Gebäude der Bezirkshauptmannschaft ist ein solides und harmonisch wirkendes Bauwerk, über dessen Eingangstor noch immer das Wappen seiner Entstehungszeit, der Doppeladler der Monarchie, angebracht ist. Mit Recht wurde das hundertjährige Bestandsfest im Jahr 2001 feierlich begangen. Ab den 60er Jahren fand man allerdings mit dem Raumangebot in der Kirchengasse 12 nicht mehr das Auslangen und das Land
Steiermark erwarb 1975 auch das gegenüberliegende Objekt, das übrigens aus dem Beginn der Gründerzeit stammt und daher älter ist als das Haupthaus.Manche Wandlungen hat die Bezirkshauptmannschaft im Laufe der Zeit erlebt. Seit der Zeit der Monarchie hat sie neue Aufgaben übernehmen müssen und so an Umfang zugenommen. Seit 1874 amtiert an der Bezirkshauptmannschaft ein Amtsarzt, seit 1888 ein Amtstierarzt und seit 1890 ein Forstwart. Ein besonderes Ereignis, für dessen Ablauf die Bezirkshauptmannschaft Sorge zu tragen hatte, war der Besuch Kaiser Franz Josef I., den er 1883 dem Fürsten Liechtenstein auf Schloss Hollenegg abstattete. Aber auch soziale Fragen beschäftigten die Bezirkshauptmannschaft, etwa die Konkurrenz der „Hadernsammler", das waren Leute, die die Lumpen für die Papierfabriken zusammentrugen.
In der Ersten Republik wurde die Bezirkshauptmannschaft 1925 eine Landesbehörde und dem Amt der Steiermärkischen Landesregierung unterstellt, auch wenn sie seither im Rahmen der mittelbaren Bundesverwaltung tätig wird. Hatte man nach Kriegsende in der zum Grenzgebiet gewordenen Bezirkshauptmannschaft vor allem Fragen der
Staatsbürgerschaft zu lösen, so nahmen seit dem Ende der 20er Jahre die wirtschaftlichen Nöte und die politischen Gegensätze unheilvoll zu. Es muss festgestellt werden, dass die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg, an der Spitze ihr Bezirkshauptmann, in der Zeit des Ständestaates eine korrekte, aber nach der Meinung einiger zu nachsichtige Haltung dazu einnahm. Während der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde aus der Bezirkshauptmannschaft das Landratsamt Deutschlandsberg, das unter der Aufsicht der Partei zu wirken hatte. Immer mehr wurde reglementiert und kontingentiert. Die Zahl der Ämter stieg so an, dass einige von ihnen außer Haus untergebracht werden mussten. Man hatte
sich unter anderem mit der Preisüberwachung, dem Luftschutz, mit Kriegsgefangenen und sogenannten Fremdarbeitern und nicht zuletzt mit Bombenflüchtlingen zu befassen. Die unmittelbare Nachkriegszeit war Besatzungszeit und die Bezirkshauptmannschaft hatte auch mit den fremden Truppen zu verhandeln.
Es verdient hervorgehoben zu werden, dass es ein Beamter der Bezirkshauptmannschaft war, der Amtstierarzt Dr. Franz Rader, der im Mai 1945 die Leitung der Bezirkshauptmannschaft übernahm und in den ersten Wochen für die Bevölkerung und den Wiederaufbau der Verwaltung sorgte. Auch in der Gegenwart sind die Aufgaben, die eine Bezirkshauptmannschaft zu erfüllen hat, nicht weniger sondern zahlreicher geworden. Fragen der Umwelt, soziale Fragen, aber auch Probleme des Verkehrs und der
Gewerbezulassung, haben ungemein an Bedeutung gewonnen. Aber nicht nur in dieser Hinsicht, auch im Wesen der Bezirkshauptmannschaft ist es zu einem Wandel gekommen. Als „BH‐Neu" wurde sie zu einer Servicestelle für die Bürger, zu einer Anlaufstelle für die meisten Verwaltungsanliegen und zu einem Vorbild einer bürgerfreundlichen Behandlung.Alle Aufgaben, die einer Bezirkshauptmannschaft gestellt sind, müssen von Menschen, von Beamten und Vertragsbediensteten, bewältigt werden. Generationen von ihnen haben seit 1868 dabei ihren Dienst pflichtgetreu erfüllt. In der Zeit der Monarchie standen der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg zehn Bezirkshauptleute vor. Von ihnen sei Bezirkshauptmann Ferdinand Zoffal hervorgehoben. Zoffal war ein echtes Kind der Monarchie, er war in der Bukowina zur Welt gekommen, er hatte in Czernowitz studiert und dann bis zu seiner Pensionierung in der Steiermark als Beamter gedient. Er war der letzte Bezirkshauptmann der Monarchie und der erste der Republik. Von den Beamten der Bezirkshauptmannschaft dieser Zeit sei Victor von Geramb genannt, der Vater des Begründers der
Volkskunde an der Universität Graz, der in Deutschlandsberg geboren wurde.In der Ersten Republik standen der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg drei Bezirkshauptleute vor. Es ist bezeichnend, dass es beim Wechsel von der Monarchie zur Ersten Republik und dann zum Ständestaat zu keinen Entlassungen aus politischen Gründen kam. Erst beim „Anschluss" an das Deutsche Reich fand ein erzwungener Wechsel der Personen statt. Bezirkshauptmann Dr. Hans Knieli, der bis heute der einzige Bezirkshauptmann ist, der aus dem Bezirk selbst stammte, wurde 1938 des Dienstes enthoben und fristlos entlassen. Erst im Juni 1945 kehrte er als Bezirkshauptmann wieder nach Deutschlandsberg zurück. In der
Zweiten Republik wurde die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg von bisher acht Bezirkshauptleuten geleitet. Auf Dr. Knieli folgten Dr. Anton Kronabether, Dr. Friedrich Mayer, Dr. Arthur Prommer, Dr. Herbert Schell, Dr. Ingrid Klug‐Funovits und seit 1996 Dr. Helmut‐Theobald Müller.Über einhundert Juristen sind seit 1868 an der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg in gehobener Stellung tätig gewesen. Die Zahl der Beamten und Angestellten oder Vertragsbediensteten hat in dieser Zeit sehr zugenommen. Heute zählt die Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg 87 Beschäftigte, davon 25 Teilzeitbeschäftigte.
Die Entwicklung der Bezirkshauptmannschaften ist in einer Zeit, in der vor allem von Vereinfachungen und Einsparung die Rede ist, in der aber andererseits die Zahl der Gesetze und der Aufwand sie zu vollziehen, anschwillt, nicht unumstritten geblieben. Auch hier geht es in der Diskussion um den Gegensatz von straffer Zentralisierung und bürgernaher lokaler Betreuung. Soll man die Aufgaben der Bezirkshauptmannschaft auf die Ämter der Landesregierung übertragen und diese zu riesigen Organisationen ausbauen? Oder soll man auf den direkten Kontakt, auf örtliche Sachkenntnis und auf Bürgernähe setzen?Wer mit der Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg zu tun hat, dem wird die Antwort darauf nicht schwer fallen.
Verfasst von OStR i. R. Prof. Dr. Werner Tscherne.


